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Laguna Llancanelo: Ein Albtraum über drei Tage

Heute wollen wir ausnahmsweise unseren Originaltagebucheintrag als Blog verwenden, weil die Details nicht unwichtig sind und es viel Momentum wegnehmen würde für dieses für uns sehr nachhaltige Erlebnis.

15. Dezember 2017: Chos Malal / Ruta 40 – Laguna Llancanelo

Der Tag fing unspektakulär an und endete in einem drei Tage anhaltenden, ultimativen Supergau. Wir fahren morgens weiter gen Norden zur Lagnuna Llancanelo, ca. 80 km östlich der Stadt Mallagüe die wir später auch noch gut kennen lernen sollten….. Nach Anmeldung bei der Guardiaparque fahren wir an zahlreichen Gasexplorations-Stationen von YPF zum Parkplatz der Laguna. Nach den vielen km der letzten Tage entscheiden wir uns hier am frühen Nachmittag gleich unseren Übernachtungsplatz aufzuschlagen, ich mache wie immer außen Kraftsport und sehe dabei, dass es zur eigentlichen Laguna – sprich wo Wasser anfängt und die im Reiseführer beschriebenen Flamingos zu sehen sind – sicher noch etliche km weit sind und um den Parkplatz herum eine Fahrspur mit aktuellen Spuren zu sehen ist. Da es zudem mit über 30 Grad und sehr starkem Anden-Wind nicht gerade wanderfreundliches Wetter herrscht, schlage ich vor, mit Shujaa näher an die Lagune ranzufahren.

Wir folgen dem Weg, der zudem noch mit Lavasteinen rechts und links markiert ist, Richtung Laguna, ich schalte rein prophylaktisch mal den Antrieb auf der Vorderachse zusätzlich mit ein…. Man kann ja nie wissen. Plötzlich merke ich, dass der Untergrund weicher wird und sich Shujaa auf der Hinterachse leicht eingräbt. Anhalten sollte man in solchen Situationen auf keinen Fall und ich versuche die restliche Traktion zu nutzen und einen großen Kreis zu fahren, um schnellstmöglichst wieder zurück zu kommen. Leider komme ich nur 90 Grad und dann sind wir eingesunken.

Wissend, aus unseren verschiedenen Testreisen und Fahrertrainings, dass Luft ablassen und etwas frei schaufeln bei Shujaa’s Power und drei angetriebenen Achsen Wunder wirken, gehen wir das sehr entspannt, und vermeintlich erfahren, an. Schon beim frei schaufeln muss ich aber leider feststellen, dass unter einer relativ festen ca. 20 cm tiefen Sandschicht matschiger Lehmboden und darunter Wasser ist. Der erste Bergeversuch misslingt demzufolge, so dass Stufe zwei des gelernten Eskalationsprogrammes beim Bergen angewandt wird….

Wir schaufeln erneut frei und benutzen unsere Sandbleche, um das Herausfahren zu vereinfachen. Und es ist heiß. Nach 1,5 Stunden schaufeln, gelingt es mir tatsächlich im zweiten Gang im Untersetzungsgetriebe mit Nutzung aller drei Differentialsperren ca. 50 Meter weit zu kommen. Leider, obwohl ich eigentlich gut Speed aufgenommen hatte und ich über ein paar vermeintlich traktionsförderliche Grasbüschel gefahren bin, gräbt sich Shujaa wieder ein.

Mittlerweile haben wir 20:30 h und mir ist klar, dass es in 30 Minuten dunkel sein wird und wir daher nur noch einen Versuch für den heutigen Tag haben. Zu allem Übel kommt noch die Guardiaparque vorbei und macht uns Vorwürfe wie dumm man sein kann, überhaupt in die Lagune zu fahren. Sie selber parken ihren 17 Tonnen leichteren Jeep in Sicherheit, in mehreren 100 Metern Entfernung und kommen zu Fuß.

Mein Blick auf mein GPS zeigt mir in der Tat, dass wir mittlerweile in einem blauen – sprich Seebereich – sind, allerding ist das sichtbare Wasser immer noch gut 500 Meter entfernt. Langsam wird mir alles klar, der See ist ausgetrocknet und hat sich immer weiter zurück gezogen, ist aber ca. 40 cm unter der Oberfläche immer noch existent. Der dritte Startversuch muss natürlich auch fehlschlagen, wir graben uns nur noch tiefer ein und wir entscheiden im mittlerweile sehr schräg nach hinten links abgesackten Shujaa zu übernachten. Die dringend notwenige Dusche ist nur mit großen Hindernissen möglich, da wir so schräg stehen, dass wir mehr mit Wasser in die Abflussrinne schieben beschäftigt sind, als uns selbst zu reinigen – ansonsten würde das Wasser aus der Dusche in den Innenraum fließen.

Wir haben trotz hoher körperlicher Anstrengung keinen Hunger und ich kann kein Auge zu tun in der Nacht – trotz dem von Karin verabreichtem Baldrian und anderen entsprechenden homöopathischen Mittelchen. Karin und mir geht es gar nicht gut und viele Gedanken gehen uns durch den Kopf. Ich mache mir viele, viele Vorwürfe wieso ich trotz der klar für uns als Weg erkennbaren Fahrspur mit einem 18-Tonner in die Lagune gefahren bin, ohne den Untergrund zu Fuß getestet zu haben, und ohne in diesem Augenblick auf mein Navi geschaut zu haben, wo ich die Situation hätte erkennen müssen.

16. Dezember 2017: Languna Llancanelo

Nachdem der gestrige Tag bereits grenzwertig war, wurde der heutige Tag noch um Dimensionen schlimmer mit mehreren Super-Gaus: schon um sechs Uhr morgens bin ich wieder – ohne eine Minute geschlafen zu haben – draußen und schaufele Shujaa frei. Möchte die frühen Morgenstunden und die kühlen Temperaturen nutzen, um Shujaa freizubekommen. Dabei muss ich leider feststellen, dass Shujaa vorne links einen Platten hat. Der Mega-Gau, da ein Reifen wechseln in diesem morastigen Untergrund ein hoffnungsloses Unterfangen ist. Mit Hilfe meiner beiden Hebe-/Bergungskissen und zwei untergelegten Sandblechen (die anschließend die Form einer Banane haben) gelingt es mir die Vorderachse soweit anzuheben, dass der Reifen wieder halbwegs aufrecht seht und das Loch scheint so klein zu sein, dass ich in der Lage bin den kaputten Reifen wieder mit Hilfe meiner Reifendruckluftanlage aufzupumpen – und die Luft hält zunächst.

Der anschließende Bergeversuch gelingt dann auch – aber leider wieder nur für 20 Meter und dann hängen wir wieder mit den beiden Hinterachsen fest….. der Untergrund wird immer morastiger. Aber irgendwie muss ich in einem weiten Bogen zur ursprünglichen Fahrspur zurück kommen – da ich alle Differentialsperren an habe, also auch das Vorderachsdifferential – und die Reifen auf 1,5 bar von normalerweise 7 bar abgelassen habe, kann ich keine kleinen Kurven fahren.

Bald sind wieder auch die drei Jungs von der Guardiaparque bei uns: sie machen sich Sorgen, ob wir die Nacht gut überstanden haben. Ansonsten nerven sie mit gutgemeinten Bergungs- und Fahrvorschlägen, wollen Shujaa sogar selber fahren und wollen unbedingt, dass wir anstatt vorwärts lieber rückwärts in unsere eingegrabene Fahrspur zurück fahren. Ich bin skeptisch, die Stimmung ist sehr angespannt.

Im Rahmen des Freischaufelns gelingt einem der Guardiaparque Mitarbeiter tatsächlich die Meisterleistung, den Batteriehauptschalter abzubrechen – der Batteriekasten hinter der letzten Hinterachse hing sicher tief im Sand, aber beim Freischaufeln ist er diesem Hauptschalter zu nahe gekommen. Der Batteriehauptschalter steuert den kompletten Motor von Shujaa – kein Starten ist mehr möglich, kein Licht geht mehr und auch Starthilfe kommt nicht in Frage, da die Verbindungsleitung der Batterien zum Motor quasi durchtrennt ist. Neben dem platten Reifen ist das der zweite Supergau, da mir klar ist, dass ein nicht-startender und damit nicht-fahrbarer Shujaa hier höchstens mit einem Black Hawk Helikopter noch zu bergen ist. Zudem erklären mir die Guardiaparque Jungs, dass kein Bagger oder sonstiger Caterpillar so dumm ist, hier auf den See drauf zu fahren. Dennoch raten Sie mir nach Mallargüe, der nächsten Stadt ca. 75 km entfernt, zu fahren und zu versuchen, Hilfe zu organisieren. Sie erwarten, dass wir spätestens morgen Früh mit dem Taxi in die Stadt fahren. Zudem wollen sie unbedingt, dass wir in ihrer ca. 17 km entfernten Hütte übernachten, aber wir verweigern und wollen Shujaa – unser Haus, unser Baby – nicht im Stich lassen. Wissend, dass wir alleine hier nicht mehr viel bewerkstelligen können. Dennoch versuchen wir den Batteriehauptschalter zu reparieren. Die laienhafte Reparatur, den Hauptschalter mit Pattex wieder anzukleben, muss natürlich scheitern.

Der dritte Supergau des Tages ist, dass wir unseren schwenkbaren Unterfahrschutz nicht mehr nach hinten schwenken können, welches Voraussetzung ist den Batteriekasten mit dem Hauptschalter überhaupt zugänglich zu machen. Stundenlang versuchen wir die Fixierungs-Bolzen rauszubekommen – ohne Erfolg. Da uns glasklar ist, dass ein nicht startender Shujaa nicht bergungsfähig ist, entscheiden wir uns, den Unterfahrschutz kurzerhand abzuflexen, damit ein möglicher Elektriker überhaupt in der Lage ist, eine Reparatur vorzunehmen. Bei extremen Wüstenwind, sengend heißer Hitze und Funkenschlag ist dieses erste Flexunterfangen meines Lebens eine ganz besondere Herausforderung. Ich habe Angst aber es gelingt final.

Abends kurz vor Einbruch der Dunkelheit kommt ein Mitarbeiter der nahegelegenen Explorationsfelder vorbei. Ich erkläre ihm das Problem mit dem Batteriehauptschalter. Als echter Buschmechaniker meint er „kein Problem“, wir legen eine direkte Verbindung. Leider vereitelt die Dunkelheit und ein Sandsturm mit mittlerweile über 11 Windstärken die Reparatur, doch der Junge wirkt kompetent und verspricht nach seiner Nachtschicht gleicht früh morgens am nächsten Tag zwecks Reparatur vorbei zukommen.

Die zweite Nacht in der Lagune ist noch schlimmer als die erste. Zuvor hat Karin noch meine zahlreichen Wunden (Blasen an den Händen vom permanenten Schaufeln, von der extremen Sonneneinstrahlung und dem Wind aufgerissene Lippen, extreme Augenschmerzen vom Sand, dem Wind und dem Flexen) mit unser perfekt ausgestatteten Hausapotheke versorgt. Mir geht es sehr, sehr schlecht und dabei sind die körperlichen Schmerzen nur das geringste Übel. Zudem haben wir die ganze Nacht einen extremen Sandsturm welcher an Shujaa permanent rüttelt.

17. Dezember 2017: Laguna Llancannelo und Mallargüe

Morgens um 7:00 h kommt Jorge von der Explorationsfirma tatsächlich vorbei und in weniger als 5 Minuten hat er eine direkte Batterieverbindung gelegt, um den kaputten Hauptschalter zu umgehen. Shujaa startet und der Reifen hat über Nacht sogar gehalten. Erste Hoffnung keimt auf. Nachdem die Guardiaparque Jungs wieder zu Dritt gekommen sind (ohne jedoch auch nur eine Schaufel in die Hand zu nehmen, sondern nur bewundernd die wild arbeitende Karin anzuschauen), um uns mitzuteilen, dass unser Taxi für die Fahrt nach Mallargüe in ihrer 17 km entfernten Basisstation angekommen ist, versuchen wir einen letzten Bergeversuch….. erneut ohne Erfolg.

Völlig frustriert packen Karin und ich unsere notwendigen Sachen in unsere Rucksäcke und lassen Shujaa – unser Baby, unser Haus, unsere Basis – mit sehr, sehr emotionalen Gefühlen zurück. Man hat uns ein paar Adressen von Bauunternehmen etc. an die Hand gegeben, wo wir versuchen sollen Bergungsgerät (was ja laut den Guardiaparque Jungs eh nicht in die Lagune fährt und damit eine Bergung von über 200 Meter Entfernung erfordert) zu organisieren. Zudem haben sie uns schon mal hinsichtlich der Kosten über mehrere tausend USD vorgewarnt. Aufgrund unserer Stimmung sprechen wir kaum mit unserem Taxifahrer, erst kurz vor unserer Ankunft unterhalten wir uns. Nun stellt sich tatsächlich heraus, dass sein Bruder der Chef des örtlichen Bauhofes ist und damit verantwortlich für alle öffentlichen Bagger, LKWs etc. in der Gegend. Wir fahren natürlich sofort zu ihm – egal ob Sonntag ist. Er steht in einer Metzgerei hinter dem Tresen und schnippelt an Fleisch herum und ist mit vielen Kunden im Gespräch. Alles sehr seltsam. In 30 Sekunden (Elevator Pitch!) erklären wir ihm unsere Situation und zeigen ihm ein paar Fotos. Er grummelt ein bisschen rum – wieder verstehen wir kaum etwas, da das alles kein wirkliches Spanisch ist – aber sein Bruder, unser Taxifahrer meint, am nächsten Tag (Montagmorgen) um 7:00 h würde ein LKW mit einem Bagger sich auf dem Weg zur Lagune machen. Im Nachgang müssen wir noch nicht ganz unerhebliche Details klären wie z. B. wir zur Lagune zurückkommen etc. Da ich als „Controlletti“ sicherstellen will, dass überhaupt etwas am nächsten Morgen passiert, möglichst viele Leute zum Bergen rauskommen und das richtige Bergegerät verladen wird, möchte ich dabei sein. Wir nehmen uns ein völlig abgewracktes Zimmer in einem Hotel der Stadt und vegetieren den restlichen Tag mit hohen emotionalen Stimmungsschwankungen vor uns her. Die dritte Nacht schlaf ich erneut so gut wie nicht, habe kaum Hunger und muss mich zwingen etwas zu trinken.

Bin erneut wahnsinnig über Karin beeindruckt: wie hart sie körperlich in diesem extrem rauen Umfeld mitarbeitet, wie sie mich emotional aufbaut, wie sie noch die Kraft hat meine körperlichen Wunden zu versorgen – ich lerne meine Traumfrau noch einmal von einer anderen Seite kennen.

18. Dezember 2017: Laguna Lancanelo – Mallargüe

Morgens um 7:00 h ist tatsächlich unserer Taxifahrer beim Hotel, um uns wie verabredet zum Bauhof zu fahren. Dies macht dann allerdings sein Sohn, mir schwant schon wieder Böses.

Als wir auf dem Bauhof ankommen und nach dem Leiter fragen, kennt man unsere Aktion schon und der Bagger wird gerade auf einen LKW geladen. Meine Bemühungen neben dem LKW- und dem Baggerfahrer mehr Leute (zum Schaufeln) und einen zweiten Bagger (doppelt hält besser) zu organisieren, fruchten nicht. Da wir nicht zu viert im LKW fahren können, fährt uns noch ein Manager die 80 km in die Laguna, so dass wir schon um 9:15 h wieder bei Shujaa sind.

Nicht völlig überraschend steht er noch unversehrt da, nur leider ist der Reifen wieder platt. Damit ist auch mit Bagger keine Bergung möglich und würde nur den 1.000 € teuren Geländereifen zerstören. Wieder packen wir die Berge-/Hubkissen aus, legen sie auf die Sandbleche, um ein zu starkes Einsinken zu vermeiden, und pumpen sie auf. Diesmal benötigen wir deutlich länger den Reifen auf der Felge wieder aufzupumpen, aber es gelingt. Es scheint zum Glück nur das Ventil zu sein und je nach Ventilstellung kann man die Luftausströmung minimieren.

Dann machen wir uns an das erneute Ausgraben des Fahrzeuges, anschließend reduzieren wir möglichst viel Ballast auf den Hinterachsen, da wir dort immer einsacken: Quad (400 kg), beide Reserveräder (insgesamt 400 kg) und unsere 500 Liter Frischwasser (500 kg). Damit hoffen wir die Bergung, bei Ankunft des Baggers, zu optimieren.

Wir warten und warten, es kommt nur kein LKW mit Bagger.

Gegen 13:00 h kommen unsere drei Jungs von der Guardiaparque und berichten, dass der Bagger im Anmarsch ist. Wir montieren mein Bergeseil an seine Baggerschaufel und parallel, mit der Bewegung der Baggerschaufel, fahre ich raus bis ich wieder halbwegs draußen bin. Dies klappt sehr gut und jeder der Anwesenden meint, dass ich es jetzt alleine bis an den rettenden Lagunenrand schaffen würde. Weit gefehlt, erneut grabe ich mich hinten ein. Nach insgesamt 6 Mal Rausziehen mit Bagger und dann alleine 50-60 Meter weit fahrend, habe ich endlich den Rand erreicht – wir können es gar nicht fassen vor Glück. Der Bagger bringt uns die beiden demontierten Reserveräder, den abgeflexten Unterfahrschutz, die Hebekissen sowie die verschiedenen Bergeseile ans Ufer, wir fahren mit dem Quad noch einmal die ganze Strecke ab, um Schaufeln und sonstiges Werkzeug der letzten 3 Tage einzusammeln. Dann geht es an das Verstauen. Der Bauhof-LKW nimmt noch den Unterfahrschutz mit nach Mallargüe. Auch die Jungs von der Guardiaparque sind überglücklich, waren sie doch sehr besorgt, um unsere Gesundheit und dass so etwas gerade in ihrem Gebiet passieren muss. Wir verabschieden uns mit einer Foto-Session.

Als wir endlich alles verstaut haben, bemerken wir das nächste Problem. Einer der Schläuche der Reifendruckluftanlage ist undicht. Da die Anlage den Druck in allen 6 Reifen parallel steuert, können wir Shujaa’s Reifen nicht aufpumpen. Mit den auf 1,5 bar abgelassenen Reifendruck, auf den teilweise sehr spitzen Lavasteinen zu fahren, wäre der Wahnsinn. Just in dem Augenblick kommt jedoch wieder ein Mechaniker der Explorations-Station aus reiner Neugierde vorbei und – da diese Jungs echte Buschmechaniker sind – repariert er den Schaden fachmännisch in wenigen Minuten.

Auf geht es in das 80 km entfernte Mallargüe, aber der Tag sollte noch nicht zu Ende sein…. Da wir dringend Grau- und Schwarzwasser ablassen müssen, fahren wir auf der Rückfahrt in eine kleine Schotterstraße zu einem Kommunikationssatelliten rein, um dort ungestört unser Abwasser zu entsorgen. Als wir zurück auf die Haupt-Piste fahren, bricht unter uns das Weide-Rost ein. Shujaa kommt Gott sei Dank aufgrund seiner extrem großen Reifen da problemlos wieder raus, aber was machen wir mit dem zerstörten Rost? In dem Augenblick kommt ein Mitarbeiter des Satellitenbetreibers in seinem Jeep vorbei, reagiert mega-entspannt, wir tauschen Adressen aus für eine evtl. Schadensregulierung und machen uns dann endlich auf die letzten 20 km nach Mallargüe auf.

Dort füllen wir unseren Frischwassertank auf, gehen in einen Supermarkt und beziehen unseren Übernachtungsplatz direkt auf dem Parkplatz des Supermarktes. Unser erster Übernachtungsplatz auf einem Supermarktparkplatz, aber wir sind so fertig und wollen einfach nicht mehr. Seit drei Tagen schlafen wir endlich wieder.

19. Dezember 2017: Mallargüe

Heute ist der Tag der Reparaturen, des Reinigens und des Resümierens. Zunächst fahren wir zum Bauhof, um ihm einen ganz großen Dank auszusprechen. Für die ganze 10-stündige Bergungsaktion mit einem LKW, einem Bagger und zwei Mitarbeiter will der Chefe umgerechnet 90 € haben, ein extrem fairer Preis. Zudem fackelt er nicht lang rum, als wir fragen wo wir unseren abgeflexten Unterfahrschutz wieder ranschweißen lassen können, ruft in südamerikanischer Macho-Manie seine Schweißmannschaft zusammen und 1,5 Stunden später ist der Unterfahrschutz wieder dran, die doch arg deformierten Sandbleche wieder gerade und gereinigt und Shujaa bekommt auch noch eine kleine Wagenwäsche. Da hatten wir echt wahnsinniges Glück im Unglück.

Danach reinigen wir Shujaa 8 Stunden lang: ich fokussiere mich auf den äußeren Bereich. Der lehmige Schlamm hat sich zwischen die Achsen und auf die Luftfederung gesetzt und ist jetzt so knochentrocken, dass der Hochdruckreiniger seine liebe Müh hat. Karin putzt innen, wo der Sandsturm überall seine Spuren hinterlassen hat und gemeinsam machen wir uns dann an die ganzen Außenstaufächer ran. Abends geht es dann noch zum Reifen-Experten um unser undichtes Reifenventil untersuchen zu lassen: zum Glück hat sich nur das Ventil etwas von der Felge gelockert und nach kurzem Nachziehen passt alles wieder. Der Reifen ist unversehrt geblieben.

Abends bei einem guten Wein ziehen wir Fazit:

  • Wir waren an der absoluten Grenze unserer psychischen und physischen Leistungsfähigkeit, dennoch können wir beide sagen, dass wir durch dieses für uns völlig neuartige Erlebnis, uns noch näher gekommen und noch verbundener geworden sind. Wir haben gesehen, dass jeder sich auf den anderen in einer solchen Extremsituation absolut verlassen kann und dass wir „funktionieren“ wenn es wirklich drauf ankommt.
  • Natürlich haben wir uns kurz die Frage gestellt wieso wir uns das alles freiwillig antun, wir haben aber nie wirklich über einen Abbruch der Weltreise nachgedacht, sondern dies eher als „Ernsthaftigkeits-Prüfung“ zum Auftakt angesehen.
  • Wir haben extrem viel gelernt: In Zukunft werden wir vorsichtiger und noch aufmerksamer den Untergrund in solchen Situationen überprüfen. Auch werden wir ggf. versuchen nach dem ersten Eingraben direkt rückwärts zu fahren, statt in einem großen Bogen vorwärts zum Ausgangspunkt zu kommen und auf wieder festeren Boden zu hoffen. Oder gleich unser Quad auspacken (dafür haben wir es ja dabei!)
  • Wir haben aber auch gesehen, dass unsere umfänglichen Fahrertrainings mit Hans und Nancy in Marokko, wo wir alle Handlungen (Seile, Ausgraben, Sandbleche, Hebekissen) mehrmals geübt haben, eine extreme Hilfe war… diese Erfahrungen haben uns in einer fast ausweglosen Situation Souveränität gegeben.
  • Es gibt immer eine Lösung: Zum Schluss ging es dann, trotz der 6 Bergungsversuche mit dem Bagger, alles ganz schnell.

9 Kommentare

  1. Hallo Ihr beiden,
    Wir haben eben mit etwas zeitlicher Verzögerung Euren Katastrophenbericht gelesen und hoffen, dass Ihr Euch mittlerweile wieder völlig regeneriert habt. Der Bericht ist ganz toll geschrieben.
    Für 2018 wünschen wir Euch alles Gute.
    Ganz liebe Grüße
    Henning und Isabelle

    1. Hallo Isabelle und Henning,
      danke für Eure guten Wünsche, auch Euch ein tolles neues Jahr. Bei uns ist alles wieder gut, wir haben uns sogar mehr als regeneriert, nach dem Paradies Osterinsel.
      Liebe Grüsse
      Karin & Oliver

  2. Ich bin from the socks dass Ihr trotz der Anspannung noch daran denkt Fotos zu machen….. Drücke Euch die Daumen für ein bisschen weniger Aufregung im neuen Jahr.🙄

    1. Wenn Du wüsstest wie viele Fotos ich normal mache – das war nichts. Es ist tatsächlich so, dass Du in diesen Momenten andere Sorgen hast. Danke – das wünschen wir uns auch 😉

  3. Wenn es dick kommt, dann aber richtig. Murphys Law hat auch noch das seinige dazu gegeben.
    Beim Lesen war sofort wieder unser Plage-Blanche-Erlebnis präsent. Wir wissen sehr gut, wie ihr euch gefühlt habt.
    Bei uns waren es zwar „nur“ 24 Stunden, dabei möchte ich mir gar nicht vorstellen, wie sich 3 Tage anfühlen.
    Schlußendlich wird es eine Geschichte von vielen vielen weiteren sein. Nicht entmutigen lassen, einfach weitermachen!

    1. Liebe Kathrin,
      ja, klar, da hast Du recht. In der Situation ist es gar nicht so einfach, nicht alles hinzuschmeißen, aber danach ist alles wieder einfach zu schön. Alles Liebe Dir.
      Karin

  4. Hallo Karin + Oliver,
    Die Bilder verdeutlichen wie schlimm die Lage war. Ihr seid jetzt definitiv Ernstfall-Erprobt 😉
    Liebe Grüsse
    Roland

  5. Was für eine Erfahrung. Ihr habt Euch tapfer geschlagen! Gute und sichere Weiterreise!
    Ich freue mich auf Eure weiteren Erlebnisse während ich an der Planung eines Expeditions-LKW’s bin.

    1. Hallo Roland,
      danke, ja das war ziemlich übel. Beim Lesen sieht es irgendwie harmlos aus, wenn ich dagegen unsere Gefühle dazu anschaue, die sind irgendwie anders … 😉 Viel Glück bei der Planung und nicht aufgeben!
      Liebe Grüsse
      Karin & Oliver

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