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Expedition auf den Mount Meru

Schon lange habe ich mich auf die Besteigung einer der ostafrikanischen Berge gefreut. Die Wahl für den Mt. Meru und gegen den Kilimanjaro fiel recht schnell: Zum einen bietet der Mt. Meru den landschaftlich deutlich schöneren Auf- und Abstieg, zum anderen sieht man zumindest im unteren Bereich viele Wildtiere, weil der Mt. Meru im Arusha N.P. liegt. Am Kili sieht man hingegen maximal ein paar Affen. Zudem ist das spektakulärste am Kili ja der Blick auf diesen schneebedeckten Berg. Diesen hat man aber am besten vom ca. 50 km Luftlinie entfernten Mt. Meru und nicht vom Kili selbst. Last but not least wollte ich Karin nicht zu lange alleine lassen. Sie hatte Sorgen, dass Sie beim Abstieg mit fast 3.000 Höhenmeter wieder Probleme mit ihrem Knie bekommt und hat sich schweren Herzens gegen diese Bergeexpedition entschieden. So mache ich mich alleine auf.

Nachdem ich am Vortag schon meine ganze Ausrüstung zusammengepackt habe, fahren wir dann am Morgen in den Arusha N.P. hinein und am späteren Vormittag setzt sich der ganze Tross gen Mt. Meru in Bewegung. Neben mir sind dabei:

  • Joseph: Parkranger und Guide in einer Person, was eher ungewöhnlich ist, aber meinem Wunsch nach einer absoluten Individual-Tour ohne „Ranger-Sharing“ mit anderen Gruppen geschuldet ist. Da ja der Mt. Meru im Arusha N.P. liegt, mit entsprechenden wilden Tieren, geht an einem entsprechend bewaffnetem Ranger kein Weg vorbei.
  • Oscar: der Koch
  • Sowie drei Träger für mein Gepäck und die ganzen Essenssachen samt Gasflasche, Geschirr, Tischdecken etc. Gerade letztere könnte man natürlich gut auch auf den Hütten deponieren und dann an die einzelnen Gruppen vermieten, aber das ist eben Teil der tansanischen Beschäftigungspolitik: Träger sichern – zumindest in Nicht-Corona Zeiten – der einheimischen Bevölkerung Arbeitsplätze.

Joseph und ich gehen einen anderen, etwas längeren, Aufstieg als der Versorgungstross zur Miriakamba-Hütte. Durch traumhafte Bergregenwälder mit üppigster Vegetation und riesigen mit „Bärten“ behangenen Bäumen steigen wir gut 1.200 Meter auf. Nach knapp 3,5 Stunden sind wir auf der Hütte, der Tross ist noch nicht da, trotz kürzerem Weg, aber natürlich viel mehr Gepäck. Die auf 2.500 Metern liegende große, fast 100 Betten bietende Hütte ist vernünftig mit 4-er Zimmern und sogar einer Dusche ausgestattet. Da ich – wie auch morgen – komplett alleine auf dem ganzen Berg unterwegs bin (was für ein Luxus und Corona sei Dank!) kann ich mir natürlich mein Zimmer aussuchen.

Das Essen ist gut und umfasst immer 3 Gänge. Der Tisch wird liebevoll mit Kunstblumen und Tischdecke im ansonsten eher kargen Esszimmer nur für mich eingedeckt. Joseph isst immer mit mir… damit ich nicht so alleine bin 😉 und wir haben gute Gespräche. Einer der Porter ist mein persönlicher Steward und bedient mich nicht nur beim Essen, sondern sorgt sich auch sonst um mein persönliches Wohlergehen (macht warmes Wasser zum Waschen etc.). Das Wetter ist gut und ich habe einen tollen Abendblick auf den genau genüberliegenden Kilimanjaro.

Am zweiten Tag sind wir in drei Stunden auf der zweiten Hütte, dem Saddle-Hut auf 3.500 Metern, und steigen von dort noch kurz zur besseren Akklimatisierung auf den 3.800 Meter hohen Little Meru auf und wieder ab. Von dort habe ich nicht nur wieder einen tollen Blick auf den Kili und Umgebung, sondern auch auf das, was mich kommende Nacht erwartet: der Aufstieg auf den Mount Meru über den Rhino Peak. Er sieht von Nahem doch deutlich steiler aus als von der Ferne. Das Wetter ist wieder toll und es ist spannend zu sehen wie sich die Vegetation und das Klima während des Aufstiegs verändert. Der Bergregenwald geht langsam in Bergsträucher über und oberhalb der hier auf ca. 3.300 Meter verlaufenden Baumgrenze wird es dann recht karg.

Heute ist der Tag der Tage… und mit der Gipfelbesteigung starten wir nach kurzem Kaffee schon um 1:30 h nachts… um auch halbwegs gesichert schon vor Sonnenaufgang gegen 6:00 h auf dem Gipfel zu sein – den vom Farbenspiel schönsten Zeitpunkt. Geschlafen habe ich kaum. Bei sternenklarem Himmel starten wir, das Wetter passt und damit ist die erste Hürde geschafft. Jetzt Wolken oder gar Schneefall zu haben, wäre der worst case. Wandern mit Stirnlampe ist neu für mich, genauso wie wandern oberhalb von 3.500 Metern. Bis 4.000 Meter bin ich noch gut dabei, obwohl das Gelände schwierig ist: der Weg endet und über recht glatte Felsplatten kraxeln wir entlang gen Gipfel, zeitweise gibt es Sicherheitsseile. Rechts unter mir ist es stockdunkel… ein 500 Meter tiefer Abgrund. Eine gewisse Anspannung ist schon vorhanden. Fehler sind hier absolut tödlich…, aber ich bin froh jetzt endlich meinen „Kick“ zu haben.

Oberhalb 4.000 Meter macht mir die Höhe extrem zu schaffen. Der Atem wird schwer, wie ein Betrunkener torkele ich bei jedem etwas größeren Schritt (und davon gibt es hier in dem extrem felsigen Untergrund viele) von links nach rechts und muss aufpassen, das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Immer wieder klettere ich auf allen Vieren, da ich so mehr Kontrolle habe. Ist das Gelände mal nicht felsig ist es auch nicht viel besser: wir schreiten über extrem feinen Aschesand, auf dem man fast soweit zurückrutscht wie man vorangekommen ist (die letzte Eruption des Mt. Meru hat 1896 stattgefunden). Das schlimmste aber ist, dass die Dunkelheit die Orientierung und Distanzabschätzung extrem erschwert. Außer den Sternenhimmel und vereinzelte Sternschnuppen über mir habe ich keinerlei Anhaltspunkte. Ich habe auch keine Ahnung wie weit wir noch vom Gipfel entfernt sind. Gefühlt eine Ewigkeit, da ich mittlerweile nach maximal zehn Schritten jeweils eine kurze Pause einlegen muss. Der Blick auf die Uhr zeigt, dass wir schon drei Stunden unterwegs sind und in einer Stunde die erste Horizont-Rötung zu erkennen sein müsste. Joseph zu fragen, wieviel Höhenmeter es noch bis zum Gipfel sind, traue ich mich nicht… aus Angst vor Frustration.

Nachdem ich mich mal wieder länger mit Aufgeben beschäftigt habe, sehe ich im Licht meiner Stirnlampe ein Schild ca. 20 Meter vor mir. Ich konzentriere mich und erkenne die tansanische Flagge. Jetzt frage ich doch Joseph… und er bestätigt mir, dass wir auf dem Gipfel angekommen sind. Kurz danach setzt die Morgenröte ein, es ist bitterkalt, aber glücklicherweise wenig windig. In ziemlich genau vier Stunden haben wir die Gipfelbesteigung geschafft – später erzählt mir Joseph, dass ich damit zu den Top 10% gehöre. Das tut mir und meinem Ego natürlich gut. Die nächsten 30 Minuten bis zum Sonnenaufgang direkt neben dem Kili sind unbeschreiblich schön: die Verfärbung des Himmels, das Verblassen der Sterne, die ersten Lichter in der umliegenden Ebene.

Der Abstieg zurück zur Saddle-Hut ist deutlich einfacher und es ist sehr spannend zu sehen, wo wir im Dunklen ein paar Stunden zuvor entlang gekraxelt sind. Wegen zahlreicher Fotostopps benötigen wir drei Stunden zurück auf die Hütte. Dort gibt es nach kurzer Verschnaufpause einen großen Brunch und ich fühle mich wieder ziemlich fit. Dann machen wir uns auf den knapp zweistündigen Abstieg zur Miriakamba Hut, wo wir schon vorgestern beim Aufstieg genächtigt haben. Schnell wird es wieder wärmer, die üppige Vegetation fängt an und – obwohl immer noch auf 2.500 Meter liegend – befinden wir uns wieder in einer anderen, tropischen Welt. Die Dusche tut gut und da wir schon um 13:30 h da sind, nutze ich den Rest des Tages für die Regeration. Immerhin sind wir heute schon über 1.200 Meter auf- und 2.200 Meter abgestiegen. Beim Abschluss-Abendessen gibt es als Belohnung sogar eine Flasche Rotwein und auf dieser Höhe schlafe ich auch wieder gut.

Gut ausgeruht geht es dann am nächsten Morgen noch einmal gut 1.000 Höhenmeter hinab zum Ausgangspunkt, dem Momella Gate des Arusha N.P. Unterwegs treffen wir auf zahlreiche Büffel, Giraffen und Zebras. Zu meiner großen Überraschung wartet dort Karin auf mich: sie ist mit dem Lodge-Jeep mitgefahren und, da sie nun schon einmal den nicht billigen Nationalpark-Eintritt gezahlt hat, machen wir noch zum Ausklang dieser tollen Bergtour einen ausgiebigen Game-Drive. Die tiefgrünen Landschaften, eingebettet zwischen Kili im Osten und Mt. Meru im Westen geben diesem Park eine ganz besondere Note.

5 Kommentare

  1. […] ich mich ja für die Besteigung des Mount Meru und gegen den Kili entschieden habe (siehe Blog zu Mt. Meru), fahren wir wenigstens einmal um den Kili ganz herum. Faszinierend wie die Vegetation […]

  2. Coole Tour Oliver! Liest sich spannend 😉

  3. Wow. Amazing. Brings back memories of Mt Kinabalu.

  4. Hallo Karin & Oliver!
    Glückwunsch zu dieser extremen Leistung👍. Den Bildern nach zu urteilen alles richtig gemacht, ein prägendes Erlebnis.
    Wir wünschen euch Beiden ein frohes Weihnachtsfest und viel Glück und Freude in 2021!
    Ganz viele Grüße
    Denise & Hans Hengstler

    1. Vielen Dank. Auch Euch noch Frohe Weihnachten!
      Liebe Grüße
      Karin & Oliver

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