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Das Corona-Glück: Zeit

Während wir einerseits, aus den verschiedensten Gründen, auf die Medien und Politiker schimpfen, ungeduldig sind und unser altes Reise-Leben zurückhaben wollen, gibt es da auch die andere Seite. Und ich bin höchst erstaunt, was diese Zeit, die uns Corona beschert, mit mir macht.

Ich bin so glücklich, gesund und ausgeglichen wie nie zuvor. Und konzentriert – auf mich. Keine Besuche, keine Termine, kein Essen gehen, kein Bummeln durch das Örtchen, nicht mal joggen, wandern oder Rad fahren, denn hier in Spanien ist das nicht erlaubt. Die Luft, die ich atme, scheint frischer zu sein. Das ist zu mindestens mein Gefühl. Mein Körper ist klar und biegsam, und das obwohl ich mal wieder ein paar kg zu viel habe. Ich mache täglich Yoga, manchmal zweimal. Sogar Oliver macht mit und das ist ein großes Geschenk für mich. Er ist offen, und hat natürlich auch viel Zeit. Unsere Katze Cinny, die uns kürzlich adoptiert hat, bringt mich mit ihrem verrückten Verhalten jeden Tag zum Lachen. Die To Do Liste, auch mit den Prio Bs, ist erledigt. Jetzt erlebe ich es, wie es ist, wenn man richtig Zeit hat. Echte Zeit. Ich erfahre wahre Entschleunigung. Ich fühle mich frei, als ob ich meine Flügel ausbreiten könnte und über die Insel hinweg fliegen könnte.

Von Zeit und Entschleunigung hat man früher schon gesprochen, aber jetzt hat es eine andere Bedeutung für mich. Jetzt spüre ich wirklich was das heißt. Nicht dieses aufgesetzte, welches man so schnell daher sagt. Nicht die Zeit, die man nach einer 60-h-Woche, am Wochenende hat. Oder die Entschleunigung, wenn man einmal die Woche in der Badewanne liegt. Jetzt gibt es beides im Überfluss.

Wir leben hier auf Mallorca eh auf dem Land. Hier ist es an sich immer ruhig, selbst in der normalerweise immer vollen Sommersaison, aber nun ist es noch ruhiger. Keine Autos, sogar auf der 2 km entfernten Straße nicht. Nichts. Keine Flugzeuge über uns, die Richtung Palma fliegen, keine Bauarbeiter auf den Grundstücken nebenan. Nur Vögel, Wind und das Rauschen der Palmblätter. Diese Ruhe ist einmalig und ist so rein. Ich bin unglaublich gerne hier. Hier drin bei mir, hier drin auf unserem Grundstück. Muss nicht raus, und will auch nicht raus. Das einmal pro Woche zum Supermarkt fahren unterbricht meine Ruhe. Der Tag ist dann futsch. Was mich zum Nachdenken anregt, wie schnell man sich von Kleinigkeiten im normalen Leben stören lässt …

Ich denke generell mehr nach, in aller Ruhe und Tiefe – eben mit Zeit. Ich denke darüber nach was Corona bewirkt. Denn ich sehe einige Freunde und Bekannte plötzlich anders, wie sie reagieren: ob sie sich als Verschwörungstheoretiker entpuppen oder wie gestresst sie sich auf facebook & Co. ablichten, weil sie völlig panisch sind, nicht mehr auf Partys gehen zu können und damit Visibilität verlieren. Menschen, die nur noch das Negative sehen, von denen ich es nie gedacht hätte. Das ist alles schade. Das macht mich traurig, aber auch glücklich, weil es ungeschönt die Natur zum Vorschein bringt. Und mir wieder einmal mehr zeigt, wie unsinnig irgendwelche Erwartungen sind, die immer nur enttäuscht werden können, weil eben die Welt nicht so funktioniert, wie man es sich vorstellt. Aber ich beobachte auch andere Menschen, die neue geniale Businessideen entwickeln, die ebenfalls die Entschleunigung nutzen und schätzen lernen.

Unsere Beziehung ist fantastisch, weil wir aufeinander konzentriert sind, ausgeglichen sind. Viel miteinander lachen und uns schätzen. Glücklich sind, dass der andere da ist.

Jetzt ist eine wunderbare Zeit sich seiner Gefühle bewusst zu werden, sich hinzusetzen und sich selbst zu spüren, ohne Bewertung, ohne Erwartung. Zu sehen, dass wir alle versuchen das Beste zu tun und zu geben und das ist gut so, und es ist genug.

Was wohl danach kommt? Die Menschen, die keinen Job mehr haben und damit kein Geld. Die Börsen, die uns alle keine Freude bereiten. Ich sehe aber auch die Unerfahrenheit der Menschen, auch die der Politiker und der Virologen. Wie hätten sie besser entscheiden können, wenn man es nicht besser weiß? Die Situation war und ist noch völlig neu. Was ist überhaupt besser? Es ist schlimm, aber man sieht auch, wie die Menschen da draußen damit klarkommen. Und die Hilfe, die angeboten wird.

Und all das zusammen macht mein Glück aus. Das was man aus der schlimmen Situation ziehen kann. Und das ist schon eigenartig …

11 Kommentare

  1. ❤️ bin voll bei Dir

  2. Liebe Karin, Du hast wieder einmal sehr wahre, ehrliche Worte gefunden für das, was mit Dir/ Euch geschieht. Es ist sehr eindrucksvoll, wie Ihr die positiven Seiten dieser besonderen Auszeit für Euch zu nutzen wisst. Zum Nachdenken regt die Zeit uns ja alle an, auch wenn es für uns mit 3 Schulkindern eben eine neue Struktur braucht und von viel Zeit und Muße nicht so viel zu spüren ist. Dafür nehme ich andere Aspekte um mich herum und an mir wahr, positive als auch negative. Wir sind im Wandel – Teil von dieser großen Veränderung – und können die neuen Strukturen mit gestalten. Wo Schatten ist, da ist auch Licht. Die Zukunft liegt in uns. Alles Liebe für Euch und genießt den Moment! Monika

    1. Monika, Du Liebe,

      auch Dir danke für Deinen Kommentar. Die tun immer soooo gut 😉

      Ich habe unten in meinen Antworten schon nochmals viel geschrieben, aber es ist generell so ein Schatz, was wir hier haben, was wir gerade erleben. Wir müssen das unbedingt besser nutzen. Du nimmst Veränderungen wahr, ich auch, aber es könnte noch mehr, noch besser gehen: Das ist wahrlich ein Wandel! …aber es ist ja auch noch nicht um 😉

      Auch Euch alles Liebe.
      Karin

  3. Sehr schön geschriebener Text! Auch wir kommen gerade komplett zur Ruhe und genießen die Zeit. Auch unsere To Do Liste wird zum ersten Mal kürzer, anstatt länger.
    Allerdings muss man sich wirklich von den sozialen Medien fern halten, sonst kommt eine Wut auf, die ich so gar nicht kannte ;).
    Im Freundeskreis merkt man, dass es ein sehr kontroverses Thema ist und ich bin teilweise froh, dass man sich gerade nicht treffen darf.
    Trotz allen sind wir glücklich, wenn wir endlich zu unserem Auto zurück können, welches in Tansania steht.
    Viele Grüße vom Bodensee,
    Tanja

    1. Hallo Tanja,

      danke für Deinen Kommentar.

      Ich empfinde diese Zeit als extrem bereichernd, auch die sozialen Medien und Freunde, die kontrovers diskutieren. Gerade das macht es für mich auch aus. Da übt man sich in Großzügigkeit und Akzeptanz. Zusätzlich ist es eine wunderbare Übung nicht zu bewerten. Ich lerne gerade sehr viel.

      Tja, das Auto wartet, ja, auch unseres. Heute erfahren wir, dass es vor Ende Juni nichts werden wird. Bis dahin sind die Grenzen nach Namibia für Ausländer zu. Das dachten wir nicht, dass es so lange geht … Nun gut, ist halt so. Machen wir das Beste draus! Ich wünsche Euch alles Gute und viel Geduld.

      Liebe Grüße Karin

      1. Liebe Karin,
        da hast du recht. Bei mir sitzt der plötzliche Abbruch unserer Reise wahrscheinlich noch zu tief. Ist nicht einfach, wenn man Hals über Kopf abbricht und unsere Auszeit läuft weiter. Wir hoffen, dass das Reisen im Spätsommer oder Herbst wieder möglich sein wird. Momentan weiß das wohl keiner.
        Wir wünschen euch eine schöne Zeit auf Mallorca.
        Liebe Grüße
        Tanja

        1. Danke! Ja, das verstehe ich gut. Das muss der Horror sein, v.a. wenn man das begrenzt und so genau geplant hat. Darum beneide ich Dich nicht. Halte durch, es wird zu was gut gewesen sein. Und ansonsten hoffe ich und wünsche Euch, dass es bald weitergeht.

  4. Liebe Karin, deine gefühlvollen Gedanken haben uns sehr berührt. Und das Zeit unser aller größtes Geschenk ist, kommt in deinen Zeilen sehr schön zum Ausdruck. Ich denke jeder von uns erlebt die gegenwärtigen Veränderungen anders, je nach persönlicher Situation und Einstellung, und es ist schön, dass Ihr die Ruhe so bewusst in Euch aufnehmen und genießen könnt. Weiterhin alles Liebe für Euch!

    1. Meine liebe Kiki,

      danke! Ja, ich empfinde genau diese Unterschiedlichkeit, die nun extrem zum Vorschein kommt, als höchst interessant … lass uns am WE telefonieren. Freue mich!

      Liebe Grüße Karin

  5. Hallo Karin, wir teilen viele deiner Gedanken und Gefühle. Wir erleben in unserer direkten Nachbarschaft mit vielen jungen Familien wie sie versuchen Struktur in den neuen Alltag mit Kindern zuhause und Homeoffice zu bringen. Einige sind da kreativ und professionell und können sich vorstellen so weiter zu leben. Andere wiederum rufen täglich nach Staat und Kita/Schule, weil sie es einfach nicht schaffen sich zu strukturieren. Deswegen noch ein Gedanke unsererseits zu deinen Ausführungen. Im gesellschaftlichen Umfeld wird sichtbar, wie anfällig Familien sind, wenn die staatliche Unterstützung in Form von Kinderbetreuung ausfällt. Die moderne Gesellschaft ist ein Stück „verweichlicht“ und kann sich nur schwer „selbst beschäftigen“. Ohne permanente „Fremdberieselung“ finden viele keine eigene sinnvolle Gestaltung der Freizeit. Das ist ein hoher Preis unseres Wohlstandes und macht uns nachdenklich.
    Wir finden die Ruhe überall sehr angenehm und wünschen uns dass es noch eine Weile so bleibt, damit wir dieses Virus besser und schneller beherrschen können. Wohl wissend, dass es auch viele Menschen gibt die wirtschaftlich damit erheblich in Not kommen.
    Das Verzichten auf unsere Reisen fällt uns momentan nicht schwer. Wir können im Gegensatz zu euch in Spanien ja unsere sportlichen Aktivitäten zu zweit draußen durchführen. Und können unseren Alltag im Haus und Garten frei gestalten. Wir sind sehr dankbar für diese Lebensqualität in dieser Zeit.
    Liebe Grüße nach Mallorca und genießt weiter die hochwertige, neue Form des Alltags.
    Denise und Hans Hengstler

    1. Liebe Denise, lieber Hans,

      danke für Euren langen und intensiven Kommentar. Ja, diese Zeit regt „an“, in jeder Hinsicht. Vielleicht auch „auf“ 😉

      Auch ich erwische mich immer wieder, dass ich denke: Warum nicht weiter so – mir gefällt’s … aber ja, viele schaffen es nicht damit umzugehen. Und ich will die Menschen nicht in gut und schlecht einteilen. Jeder muss am Ende selbst damit umgehen. Und jahrelange Yoga- und Meditationserfahrung zeigen mir, dass der Kampf gegen etwas mühsam ist, wenn es nicht zu ändern ist. Dann wird die Sache größer und größer … Also warum sich das Leben schwer machen … 😉

      „Verweichlicht“ trifft es vielleicht ganz gut. Vielleicht ist es auch das Erbe der Nachkriegsgenerationen … es muss uns immer gut gehen, das Leben muss einfach sein, man muss genug Geld haben, mann muss frei sein … Hier in Spanien spürt man kulturell eher die Folgen der Diktatur. Klingt komisch, aber die Menschen hier fügen sich einfachen, kommen klar. Selbst mit den abstrusen Regeln, die die spanische Regierung erlässt. Das ist schon eigenartig … Und dann relativiert es sich einfach. Wir sind eben „nur“ ein Produkt unserer Eltern, unserer Generation, unserer Kultur und unserer Geschichte. Spannend, oder?!

      Viel Interessantes zu bedenken und zu diskutieren … in diesem Sinne, bleibt offen, positiv und geniesst auch Ihr diese Zeit.

      Liebe Grüße Karin

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